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Interview Margie Moss

Interview Antonio Nobre

Interview Kräutler

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Bedrohungen für die Paramos sind zahlreich: Vieh kompaktiert die Böden,

Die Anbaugrenze für die Landwirtschaft frisst sich immer weiter in die Höhe,

Strassen und andere Infrastrukturprojekte greifen in das Ökosystem ein.

Die grösste Gefahr geht jedoch vom Bergbau aus.

Ernst Götschs Philosophie: „Mit der Natur, statt gegen sie wirtschaften“

Gandú. Rrrrrummm, rrrrummm. Bei dem Mann, der die Idee für eine Revolution in der Landwirtschaft hat, geht es zünftig zu. Das Geräusch der Kettensäge dringt schon von weitem durch seinen dichten Wald im Süden des brasilianischen Bundesstaates Bahia. Von früh bis spät, unterbrochen durch trockene Schläge mit der Machete. Doch statt Kahlschlag entsteht hier ein menschengemachter Dschungel. „Dahinter steckt ein 72-jähriger Schweizer vom Bodensee, halb Dickschädel, halb Genie, mit einer Idee, die die Landwirtschaft auf den Kopf stellen könnte: „Syntropie“ hat Ernst Götsch sein System genannt, in dem die Pflanzen eine Mischgesellschaft bilden, bestimmte Stoffwechselprodukte füreinander produzieren und mit der Zeit immer komplexere Ökosysteme und immer fruchtbarere Böden bilden. Also genau das Gegenteil der herkömmlichen, mechanisierten Chemie-Landwirtschaft. Ein System, das mit der Natur und nicht gegen sie arbeitet,wie der hagere Mann mit dem Ziegenbart betont. Und das Erfolge zeitigt. Zuerst in Brasilien, mittlerweile ist Götsch weltweit im Einsatz, von Portugal bis China.

Herr Götsch, die Grüne Revolution wurde als Segen für die Menschheit betrachtet, und noch heute behaupten die Agrokonzerne, ohne sie sei die Menschheit nicht zu ernähren. Wie sehen Sie das?

Das Hauptproblem unserer Art von Landwirtschaft ist die Erschöpfung von Rohstoffen. Die Böden werden verdichtet, das Bodenleben aus dem Gleichgewicht gebracht und das Ökosystem verarmt. Die moderne Landwirtschaft mit ihren gentechisch veränderten Organismen und den dazu passenden Technologiepaketen aus Düngern und Pestiziden wurde so zum größten umweltbelastenden Faktor weltweit. Momentan wird so aber noch eine wachsende Weltbevölkerung ernährt.... Ja, aber es kracht im Gebälk. Wie früher bei anderen Hochkulturen auch schon, weil sie die Rohstoffe, also ihre Aufstiegsgrundlage, erschöpft hatten. Die Krise beginnt auf lokaler Ebene, weitet sich dann regional aus, bis das ganze System untergeht. Das passierte den Römern und das passierte den Mayas. Und wir sind heute auf dem besten Weg dahin, und zwar global. Einer der Gründe dafür, so scheint es mir, ist das schiefe Verhältnis, das wir Menschen zum Ökosystem 'Wald' haben, oder anders gesagt, unser Antagonismus zwischen Wald oder Landwirtschaft. Könnten Sie das näher erklären? Die Beziehung zwischen Mensch und Wald ist gestört. Unsere aktuelle Form des Menschen entstand in der trockensten Phase der letzten Eiszeit, vor etwa 35.000 Jahren. Die dominanten Ökosysteme jener Zeit waren Trockensteppen und Savannen. Der Wald, der sich dann durch die Erwärmung unserer gegenwärtigen Zwischeneiszeit etablierte, war für die Menschen eine Bedrohung. Und das ist bis heute in unserem Instinkt verankert. Deshalb begehen die verschiedenen Zivilisationen alle immer wieder den gleichen Irrtum: Wald weg, natürliches Ökosystem weg, was in seiner Folge zu Knappheit an Ressourcen führt und am Ende zum Kollaps. Und wenn dann der Mensch wegstirbt und seine durch ihn aufgebauten Zivilisationen verschwinden, erholt sich das Ökosystem. Später vielleicht entstehen an diesen Orten wieder neue Zivilisationen, bis jetzt aber haben diese immer wieder die gleichen Fehler begangen. Wir Menschen sind also die dümmste Spezies dieser Welt, obwohl wir uns für die klügste halten? Wir begehen immer wieder Selbstmord. Ich kenne keine andere Spezies, die das tut. Doch die Natur hat kein Problem mit den Menschen. Nur wir haben ein Problem mit der Natur. Und wenn wir es nicht schaffen, als Spezies nützlich zu werden, wird der Planet auch unsere Zivilisation in Vergessenheit schicken. Der Mensch ist nur eine kleine Episode nur für unseren Planeten. Das Leben wird überleben, auch ohne uns. Gab es auch Episoden, in denen der Mensch etwas gelernt und Dinge richtig gemacht hat? Ja, sicher. Zum Beispiel in Europa, in einer Epoche, die bis heute einen schlechten Ruf hat, nämlich dem Mittelalter, zur Zeit der Feudalherrschaft. Im Hochmittelalter, also vom 10. bis zum 13. Jahrhundert, und dann noch einmal in einigen Regionen zwischen dem 16. Und dem 19. Jahrhundert. Da wurden andere, sehr interessante agroökologische Systeme geschaffen. Das Land gehörte nicht dem Bauern, sondern dem Feudalherren. Und die Bauern bewirtschafteten es als Lehen und haben jedes Jahr dem Vogt, also dem Steuereintreiber des Feudalherren, 20% ihres Ertrags abgegeben. Weder der Bauer noch ein guter Feudalherr betrachtete das Land als sein Eigentum. Es war ein von ‘Gott' gegebenes und erhaltenes Gut, und als solches musste es gut verwaltet und wenn möglich reicher weitergegeben werden, als man es erhalten hatte, so dass auch die nächsten Generationen davon leben konnten. Obsthaine, zum Beispiel, die noch 250 Jahre später grosse Mengen von Früchten bester Qualität produzierten. Einer davon war der meiner Eltern, woraus wir noch zu Beginn der 50er Jahre 70% unserer Produktion hatten. Wie funktioniert denn nun die syntropische Landwirtschaft? Es ist eine Form der Landwirtschaft, die die Natur nachahmt und mit der Dynamik des Ökosystems arbeitet. Wir arbeiten also mit der Natur statt gegen sie. In der modernen Landwirtschaft wird Unkraut bekämpft, für mich sind alle Lebewesen potenzielle Alliierte. Jedes hat seine Funktion, und wir können es entsprechend einsetzen. Sie alle zusammen bilden einen grossen Organismus. Wir brauchen für die syntropische Landwirtschaft weder Dünger noch Pestizide. Der wichtigste externe Input ist Wissen. Resultat unseres Einwirkens ist dadurch ein immer reicheres Ökosystem. Bäume spielen dabei ja eine wichtige Rolle. Ist das also ein klassischer Agroforst oder eine biodynamische Mischkultur? Beide Elemente spielen eine Rolle. Aber das wichtigste daran ist, dass ich keine Dünger und Pestizide verwende, auch keine biologischen. Der Mensch hat lediglich die Funktion, potenzierend einzugreifen. Vergleichbar etwa mit der Giraffe in der Savanne, die dort die Bäume des Mittelbaus der stutzt. Stutzen bringt mehr Wachstum und mehr Früchte. Und so wird dies eine sehr wichtige Funktion des Menschen in den zukünftigen Wald-Agro-Öko-Systemen sein, zusätzlich zum Pflanzen und anderen Aufgaben. Es gibt Früchte, die gut im Wald wachsen, Kaffee oder Kakao zum Beispiel. Aber wie kann ich mir das bei Weizen oder Soja vorstellen? Weder für Zuckerrohr, noch für Weizen noch für Mais oder Soja stören Bäume. Wir können ein Agroforstsystem kreieren, das dem Wald sehr nahe kommt. Wir pflanzen tausend oder zweitausend Bäume pro Hektar. Sie sorgen zunächst für Wachstum und Verfügbarkeit von Nährstoffen und Wasser. Und wenn diese Bäume dann gewachsen sind, können wir sie im richtigen Moment, wenn das Getreide Licht braucht, stutzen. Somit können wir zum einen den Lichteinfall regulieren, und zum andern sorgen wir damit für organisches Material, das den Boden düngt. Wenn wir dann dieses Getreide geerntet haben, beschatten unsere Bäume schon wieder den Ort. Gut, das kann ich mir bei Kleinbauern vorstellen, die ein paar Hektar bewirtschaften. Aber wie sieht es mit den Grossbauern aus? Das Prinzip ist dasselbe, und die Erfahrungen damit sind bisher vielversprechend. Sobald die Bauern das System verstehen, ändern sie ihre Art zu wirtschaften. Viele haben ja nicht aus Bosheit die Technologiepakete der Agroindustrie gekauft, sondern weil sie nie darüber nachgedacht und Rezepte einfach übernommen haben. Sobald sie auch nur kleine Dinge in der Produktion ändern und das Ergebnis sehen, wird sich etwas in ihren Köpfen tun: Es wird ein grosses Aha-Erlebnis, und sie tun die Dinge dann aus eigenem Antrieb, weil sie ihnen Freude bereiten. Ich begleite eine Gruppe von Grossbauern in Brasilien, die mit Bakterien, Fermentation, Homöopathie und Technologie experimentieren, und jetzt unterdessen auch mit eng gepflanzten Baumreihen. Wir tauschen uns regelmässig aus, jeder trägt etwas bei und so experimentieren wir gemeinsam auf insgesamt mehr als 10.000 Hektar. Trotzdem gibt es ja noch viele Hindernisse... Ja, die Grösse der Flächen ist eine Herausforderung, insbesondere fehlen uns noch intelligente Maschinen dafür, denn Fläche von mehreren hundert oder tausenden Hektar kann man nicht mit wenigen Leuten von Hand bearbeiten. Was wir heute an Maschinen haben, ist nicht einsetzbar. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir dieses Problem lösen können. Die Nachfrage der Landwirte wächst exponentiell. Ich bekomme immer mehr Anfragen von Plantagen- und Grossgrundbesitzern, deren konventioneller Anbau nicht mehr funktioniert. Weil die Schädlinge und das Unkraut Resistenzen entwickelt haben und die Kosten immer höher werden. Ihr System ist am Ende. Nun entwickeln die Saatgutkonzerne aber immer neue Samen, die zum Beispiel dürreresistent sind. Intelligente Bewässerungssysteme. Und Computer, die punktgenau feststellen, welche Nährstoffe fehlen. Ja, doch auch diese werden mit den Mitteln und den Prinzipien der Grünen Revolution die Probleme, die daraus entstehen, nicht lösen. Das ist eine Frage der Herangehensweise. Wenn ich alles, was nicht meine Nutzpflanze ist, als Feind betrachte, dann habe ich viele Feinde, gegen die ich ständig Krieg führen muss. Diesen Krieg können wir aber nicht gewinnen. Was ich entwickelt habe, beruht auf Kooperation und nicht auf Konkurrenz. Dass es nicht so weitergehen kann, wissen auch die Grossen wie Syngenta und Bayer, die längst schon verschiedenste Wildpflanzen sammeln und nach Bakterien und Mikroorganismen forschen. Nicht nur, um die entsprechenden Gene zu haben, sondern auch, weil sie sehen, dass sie jene als ganze Pflanzen in Zukunft brauchen für die Landwirtschaft. Die grossen Firmen aber bekämpfen alternative Formen der Landwirtschaft mit allen Mitteln. In Brasilien haben sie versucht, Mikroorganismen als „biologische Waffen“ verbieten zu lassen. Haben Sie schon Drohungen bekommen? Erst hat man mich ignoriert, dann lächerlich gemacht, und dann versucht, mich totzuschweigen. Das hat mich in meiner Idee aber immer nur bestärkt. Ich kenne keine Feinde, und meine Art der Landwirtschaft ist keine Kriegserklärung, sondern ein Vorschlag für Lösungen. Wenn ich etwas Wundervolles teile, und andere das auch gut finden und mitmachen, werden wir gemeinsam eine bessere Welt schaffen. In den Firmen sitzen ja auch viele Leute mit grossartigen Ideen. Sie müssen vielleicht nur in eine andere Richtung gelenkt werden, also in Richtung Peace-Farming statt War-Farming. Was hat es mit diesem Konzept von Peace-Farming auf sich? Mein System beruht auf bedingungsloser Liebe und Kooperation. Dadurch öffnen sich alle Teile des Systems und geben ihr Bestes, und das kreiert Reichtum und Überfluss. Das ist die Voraussetzung für Frieden, und Frieden bedeutet Leben. Die derzeitige Form der Landwirtschaft beruht auf Konkurrenz und kaltem Wettbewerb, was dazu führt, dass sich die Unterworfenen verschliessen, denn niemand will ausgebeutet werden. Das führt zu Knappheit, und Knappheit führt zu Krieg, und Krieg führt in den Bankrott und den Tod. Durch die Verwirklichung meiner Vorschläge könnte der Mensch zu einem segensschaffenden, bereichernden Element werden für das Leben auf unserem Planeten. Darwin hat aber festgestellt, dass die Arten sich dank Knappheit, Wettbewerb und Konkurrenz weiterentwickeln. Darwin, als Kind seiner Zeit und dem sozialen Kontext seiner Herkunft, konnte nur diese Seite sehen. Und somit war er blind für die viel entscheidendere Kooperation der Arten untereinander, die in komplexen Ökosystemen funktionieren, und so erst Evolution ermöglichen. Welchen Wunsch haben Sie noch für die Zukunft? Mein großer Traum - und vielleicht auch mein Lebenszweck – ist es, einen kleinen Beitrag zu leisten, dass diese Art der Landwirtschaft, die ich betreibe, zur dominanten Methode wird. Ich hoffe, dass wir es schaffen werden und somit zu einer Aussöhnung mit der Natur und dem Planeten kommen. Wenn das passierte, könnte ich mich dann zurückziehen und ganz im Sinne des Faustus von Goethe sagen:"O Augenblick, verweile doch, du bist so schön". Das Interview führte Sandra Weiss

ÜBERSCHRIFT
INTERVIEW MIT OLLI 

Ernst Götschs Philosophie: „Mit der Natur, statt gegen sie wirtschaften“

Gandú. Rrrrrummm, rrrrummm. Bei dem Mann, der die Idee für eine Revolution in der Landwirtschaft hat, geht es zünftig zu. Interview lesen
INTERVIEW MIT GUDRUN

Ernst Götschs Philosophie: „Mit der Natur, statt gegen sie wirtschaften“

Gandú. Rrrrrummm, rrrrummm. Bei dem Mann, der die Idee für eine Revolution in der Landwirtschaft hat, geht es zünftig zu.

Interview lesen

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Leben in Harmonie

Gesichts­­bemalung und Smart­­phones

Traditionen werden bewahrt...

Was anmutet wie ein buntes kulturelles Pot­pourri, gehorcht strengen Regeln: „Unsere Jugend bekommt Unter­richt auf Spanisch und Kichwa“, erläutert Patricia Gualinga. Sie ist so etwas wie die inter­­nationale Botschafterin Sarayakus. „Kinder lernen Mathematik ebenso wie unsere alten Mythen.“ Dank Partner­­schaften mit der Kirche und ausländischen Hilfs­­organisationen gibt es sogar Foto- und Computer­­kurse oder auch Kampf­­sport.

Dort wartet dann eine Über­raschung: Die Häuser der 1400 Einwohner sind zwar traditionell aus Holz gebaut und mit Palm­wedeln gedeckt, doch sie haben dank Solar­paneln Strom. Gekocht wird auf offenem Holz­feuer, aber es gibt ein Internet­café, das per Satellit funktioniert – wenn nicht gerade ein Gewitter nieder­geht. Und in der grossen Versammlungs­hütte wartet ein buntes Begrüssungs­komitee: Streng drein­blickende ältere Männer und Frauen mit dem traditionellen hölzernen Herrscher­stab, viele mit der traditionellen, schwarzen Gesichts­bemalung. Flankiert werden sie von jungen Männern und Frauen an Laptops, mit Spiegelreflex­kameras und Smartphones in den Händen. Ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, blättert versunken in einem spanischen Märchen­buch.

... ohne sich dabei dem Fortschritt zu verschliessen.

Bildstrecke aus der Schule: Vor der ersten Stunde spielen die Kinder eine Runde Karten

Der Unterricht wird auf Spanisch und auf Kichwa abgehalten.

Auf dem Lehrplan stehen eigene Mythen und Traditionen ebenso, ...

... wie Geographie und Geschichte ihrer Heimat.

Das Abitur bereitet die Schüler auf ein Studium außerhalb von Sarayaku vor.

Indigene Identität in einer globalisierten Welt - so sehen die Führer die Zukunft ihres Volkes.

Uns geht es darum, den Fortschritt zu dosieren.

Patricia Gualinga

Doch die Unter­­weisung in der Jagd mit dem Blas­­rohr, in der Fischerei mit Lianen­­gift, in traditioneller Körper­­malerei oder Töpfer­kunst, mit der sich viele Frauen ein Zubrot verdienen, kommt deshalb nicht zu kurz. Eine Flug­linie und eine Gemeinschafts­bank gibt es im Dorf. Strassen, Alkohol und Erdöl­konzerne hingegen sind tabu. „Uns geht es darum, den Fort­schritt zu dosieren und zu kontrollieren, wer in unser Gebiet kommt, denn wir wollen selber ent­scheiden, was für uns wichtig ist und was nicht“, resümiert Gualinga.

Selbst­­bestimmtes Leben in Harmonie

„Sumak kawsay“, die Philo­sophie vom Guten Leben, ist in Sarayaku oberstes Gesetz. Was genau darunter zu verstehen ist, darüber disku­tieren westliche Philo­sophen und Ökonomen endlos – doch für die Bewohner von Sarayaku ist dies klar: „Ein selbst­bestimmtes Leben in Harmonie mit der Natur und der Menschen unter­einander“, sagt Gualinga. Und das bedeutet manchmal auch Verzicht. Mit Lianen­gift gefischt werden darf nur alle sechs Monate, damit der Fisch­bestand nicht gefährdet wird. Die grosse kollektive Jagd, die früher halb­jährlich stattfand, steht nun nur noch alle zwei Jahre auf dem Programm, weil die Zahl der Wild­tiere stark abgenommen hat. Statt­dessen gibt es jetzt von der örtlichen Bank Geld für Fisch­teiche.

Traditionelle Jagd mit dem Blasrohr.

„Wir sind ein Volk des Wider­stands, Erben grosser Krieger“, erzählt Patricias Onkel José Gualinga (54) stolz. Der Kampf­geist wurde vor 20 Jahren auf eine harte Probe gestellt, als aus dem Nichts ein Hub­schrauber auf dem Dorf­platz landete, dem weisse Männer ent­stiegen und der Dorf­gemeinschaft eröffneten, auf ihrem Stammes­gebiet werde jetzt nach Erdöl gebohrt, weil die Boden­schätze der Nation gehörten und nicht ihnen. José, damals Curaca (Anführer) hatte diesen Tag gefürchtet. Er wusste von anderen Völkern um die Macht des schwarzen Goldes. Deshalb hatte er sein Volk vor­bereitet. Gemeinsam hatten sie sich schon lange vor diesem Schicksals­tag gegen die Erdöl­förderung entschieden.

Dem Geld die Stirn bieten

Sarayaku widersetzt sich dem Erdöl.

„Die Pumpen erschrecken die Tiere, die Gase ver­schmutzen die Luft, die Rückhaltebecken mit dem Bohr­schlamm ver­giften unser Wasser, die Strassen zerstören unsere Kultur und korrum­pieren unsere Jugend“, sagt Patricia. „Der Erdölwohlstand ist nur vorüber­­gehend. Wir aber leben vom Regen­­wald, der durch die Ölförderung zer­stört wird. Öl können unsere Kinder nicht essen.“ Doch mit Argu­menten, Bogen und Lanze war diesen über­­mächtigen Feinden nicht beizu­kommen. Das begriffen die Ein­wohner von Sarayaku schnell. Dass die Indigenas ihre Miss­billigung deutlich machten, dass sie Land­titel hatten und ein Recht darauf, vor solchen einschnei­denden Mass­­nahmen konsul­tiert zu werden, all das wog wenig gegen die kombi­nierte Macht von Staat und Geld. Der Konzern bot dem Stamm 10.000 US-Dollar, dann immer mehr, und mit jedem „nein“ wurde der Druck grösser.

Die Dämpfe aus den Bohrtürmen verpesten die Luft.

Den Befreiungs­­schlag brachte schliess­lich ein Amateur­­video über den Einfall der Konzerne, gefilmt von Patricias Bruder Eriberto, das von Sympathi­santen in die sozialen Netzwerke gestellt wurde und eine Welle inter­nationaler Solidarität auslöste. Dutzende auslän­discher Besucher kamen in den kommenden Jahren nach Sarayaku. „Da verstanden wir die Macht der Kommu­nikation“, sagt Gualinga.

Öl können unsere Kinder nicht essen.

Patricia Gualinga

Die Region sollte mit einem Strassennetz und Bohrtürmen durchzogen werden.
Ölpipelines im Regenwald.
Leckende Pipelines verursachen immer wieder Umweltkatastrophen.

Immer wieder mar­schierten die Indigenas in die Haupt­stadt Quito, um zu protestieren. 2012 ent­schied der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof zu ihren Gunsten und verur­teilte den ecuadori­anischen Staat wegen Miss­­achtung der Rechte traditio­neller Völker zu einer Entschädigungs­­zahlung von 1,2 Millionen US-Dollar. Davon wurden die örtliche Gemeinschafts­­bank, Stipendien für Jugend­liche und die Fluglinie „Aerosarayaku“ finan­ziert.  „Die Flug­li­nie ist wichtig, weil wir mit der Aussen­­welt Kontakt haben wollen, wenn zum Bei­spiel jemand von einer Schlange gebissen wird, kann er so schnell aus­ge­flogen werden“, erzählt Samai Gualinga. “Eine Bank brauchen wir, um Projekte zu finan­zieren, Fisch­­zucht oder kommuni­tären Tourismus“, fährt sie fort. Und für das Stipen­dium ist sie selbst ein gutes Beispiel. Die 29-­Jährige konnte so in Quito Design stu­dieren und ent­wirft nun die bunten Logos der Kampagnen. Viele junge Leute sind gut ausge­bildet und wollen dies in den Dienste ihres Volkes stellen. Rony (23) zum Beispiel hat Tourismus studiert und plant ein Programm für Ornithologen zur Vogel­­beobachtung in Sarayaku. Ein Rund­haus für Tour­isten ist gerade im Bau.

Gemein­schaft gross geschrieben

Weitsicht, Hartnäckig­­keit und Zusammen­halt unter­­scheiden Sarayaku von anderen Indigena­gemeinden. Grund­lage ist eine ausge­klügelte, politische Organisation. Die Ämter rotieren, so dass kein Clan zu kurz kommt. Alle Entschei­dungen werden in stunden­­langen Versammlungen so lange disku­tiert, bis ein Konsens gefunden ist, der dann von allen mitge­tragen wird. Gemeinschafts­leben, Gemeinschafts­arbeit und gemeinsame Feste werden gross geschrieben. Kontrovers wird disku­tiert und anschlies­send abge­stimmt. So haben die Indigenas beschlossen, keine evangelikalen Kirchen ins Dorf zu lassen und keine politische Propaganda zuzu­lassen. Denn beides spaltet und trägt Konflikte ins Dorf, befanden sie auf einer Versammlung.

Als Carlos Viteri aus Sarayaku in die Politik ging – in den Reihen von Alianza País des links­populis­tischen Expräsidenten Rafael Correa – wurde er instru­iert, nicht im Namen der Gemeinde zu sprechen und zuhause keine politische Propa­ganda zu machen. Die Bezie­hungen von Correa und der Gemeinde von Sarayaku blieben immer ange­spannt. Die politische Verein­nahmung der Indigenen durch Politiker ist ein heikles Thema: „Carlos lebt jetzt in Quito und ist nur noch selten hier“, winkt Patricia Gualinga ab. „Natürlich gehört er zu uns, aber er ist nichts Beson­deres und muss sich ein­fügen wie alle.“

Gemeinsam bereiten Frauen Chicha aus gegorenem Maniok...
... während die Männer das Dach des Gemeindezentrums ausbessern.

Auch der Vorschlag von José Gualinga, inter­national CO2-Zertifikate auszu­geben und damit neue Projekte zu finan­zieren, scheiterte. Gualinga bedauert das. „Es ist eine komplexe Materie, und die meisten haben nicht wirk­lich verstan­den, worum es geht“, seufzt der 54-­Jährige. Statt­dessen sucht er jetzt Alternativen. Private Förderer zum Beispiel, so wie einen Krabben­­unternehmer, der in Sarayaku in den Öko­tourismus einsteigen möchte. Auch das ist nicht unum­stritten. Manche im Dorf fürchten, dass ihnen dann die Kontrolle über die weitere Entwicklung entgleitet – und dass der Geld­zufluss Ungleichheit und damit Unfrieden schürt.

Jose Gualinga verhandelt mit einem Unternehmer die Unterstützung für ein Tourismusprojekt.
Aufgabe der Bank ist die Vergabe von Kleinkrediten

Deshalb achtet der Direktor der Gemeinschafts­bank auf Ausgewogen­heit bei der Kreditvergabe. Die „Bank­zentrale“ ist ein Holzhaus direkt neben der Gemeinschafts­hütte. Die Buch­haltung ist akribisch – per Laptop und auf Papier wird alles notiert. Die meisten Kredite gab es in letzter Zeit für Fisch­teiche. Davon erhoffen sich die Familien eine zusätzliche Einnahme­quelle. Auf den angestaubten Akten­ordnern im Schrank prangen die Namen der fünf grossen Familien­clans von Sarayaku. Noch sind die Ordner ungefähr alle gleich dick.

Dank Aerosarayaku hält und kontrolliert Sarayaku den Kontakt zur Welt.

Traditionen gehen dabei nicht verloren.

Die gemeinschaftliche Bank von Sarayaku vergibt Kredite für Investitionen in der Gemeinde.

Mittels Internet ist Sarayaku mit der Welt vernetzt.

Nicht nur das Kommunikations-Team profitiert vom W-Lan des Internet-Cafes.

Der Strom wird von Solarzellen generiert, das Signal des Internets wird von Parabolantennen aufgefangen.

Dennoch bestehen Traditionen wie die Jagd mit dem Blasrohr fort.

Der neue Blick auf Indigene

An der Front von Sarayaku sind bisher die Spaltungs­versuche des Staates und der Konzerne zerschellt. Statt­dessen gelang es den Kichwa sogar, die Idee vom Guten Leben in der neuen ecuadori­anischen Verfassung von 2008 zu verankern. Das Dorf ist zum Modell geworden; viele Delega­tionen aus anderen Indigena-­Gemeinden haben Sarayaku schon besucht und sich Anregungen geholt. Gefördert wird dieser Austausch sowie der Aufbau von Menschenrechts­schulen in der ganzen Amazonas­region von der katholischen Kirche und Nicht-­Regierungs-Organisationen. Dabei sollen die Indigenen nach dem Vorbild von Sarayaku befähigt werden, die Menschenrechts­verletzungen gegen ihre Völker aufzudecken, zu dokumentieren und vor internationale Menschenrechts­gremien zu bringen.

Seit Brasiliens rechts­populistischer Präsident Jair Bolsonaro eine wirtschaftliche Gross­offensive auf den Amazonas gestartet hat und dafür die indigenen Schutz­gebiete entmachten will, sind die Amazonas­völker international ins Rampen­licht gerückt. Vor zwei Jahren trafen sich Patricia Gualinga und der brasilianische Kardinal Claudio Hummes, Präsident des Panamazonischen Netzwerkes (Repam). „Die Art, wie die Welt uns Indigene sieht, verändert sich“, sagte sie anschliessend zufrieden. „Wir sind nicht mehr die Wilden, die evangelisiert, gekleidet und ausge­bildet werden müssen.“ Statt­dessen ist die Welt bereit, die Weis­heit der indigenen Völker anzuhören. Papst Franziskus hat ihnen in der Umwelt-­Enzyklika „Laudato si“ die Türen geöffnet, um ihrer Spiritualität, ihrer Sorge für „das gemeinsame Haus“  eine Platt­form zu geben.

Wir sind nicht mehr die Wilden.

Patricia Gualinga

Gualinga will diese Gelegen­heit nicht unge­nutzt verstreichen lassen. Sarayaku hat bereits ein neues Konzept in petto: Kawsak Sacha. Der noch unberührte Primär­wald, in dem den Mythen zufolge nicht nur viele Wild­tiere, sondern auch die Geister der Natur und der Vorfahren leben, soll nun einen Rechts­status bekommen, der ihn „für ewig unantastbar“ macht.

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PODCAST VON SANDRA WEISS

Syntropie statt Monotonie

Die Hüter der Quellen

Die Paramos bedecken weiter Teile des Andinen Hochlandes.

Rund 12.000 Quadrat­­kilometer Ecuadors sind von Páramos bedeckt. Alleine im Gross­raum Quito hängen rund 5 Millionen Menschen vom Wasser ab, das die Natur in den Páramos und zu einem ge­ringeren Teil in den Gletschern der um­liegenden Berge ohne mensch­liches Zutun sammelt. Doch der natür­liche Wasser­speicher ist bedroht. Zum einen durch den Klimawandel, der dazu führt, dass Schäd­linge und auch Nutz­pflanzen aufgrund steigender Temperaturen immer weiter die Höhenmeter hoch­klettern. Kartoffeln beispiels­weise werden heute schon bis 3.700 Meter angebaut. Eine andere Gefahr ist die Einwirkung des Menschen. Vieh­weiden sind ein grosses Problem, denn die Hufe der Tiere verdichten den Boden und verringern damit seine Speicher­kapazität. Ausserdem kontaminieren sie mit ihren Ausscheidungen das Wasser schon an der Quelle. Auch Brand­rodung vernichtet die sensiblen Moose und Flechten, die jahre­lang brauchen, um sich davon wieder zu erholen, Strassen und Strom­­trassen greifen ebenfalls ins Öko­system ein. Die grösste Bedrohung aber ist der Tage-­Bergbau. In den Höhen­­zügen der Anden liegen wertvolle Mineralien, von Kupfer über Silber und Lithium bis Gold. Die Bergbau­­konzerne drängen ebenfalls in die Páramos.  Zum einen wegen der dort vermuteten Boden­schätze, zum anderen, weil der Tage­bau viel Wasser benötigt, das die Unter­nehmen gerne gratis den Páramos entziehen würden, statt kost­­spielig Meer­wasser zu entsalzen und in die Höhe zu pumpen.

Bedrohungen für die Paramos sind zahlreich: Vieh kompaktiert die Böden,

Die Anbaugrenze für die Landwirtschaft frisst sich immer weiter in die Höhe,

Strassen und andere Infrastrukturprojekte greifen in das Ökosystem ein.

Die grösste Gefahr geht jedoch vom Bergbau aus.

Bündeln statt spalten

Im Nachbar­­land Kolumbien stellte das Verfassungs­gericht deshalb 2016 die Páramos unter Natur­schutz und zwang die Regierung, Bohr- und Bergbau­lizenzen zu stor­nieren. Berg­dörfer halten nun Plebiszite ab, in denen dem Bergbau regel­­mässig eine Absage erteilt wird. Doch die neo­liberale Regierung sträubt sich, dies anzu­erkennen. Das führt zu ständigen Konflikten, zu Rechts­streit und Militari­sierung betroffener Regionen. Ecuador ging einen anderen Weg, der Kräfte bündelt statt zu spalten. Auch in Ecuador stehen die Páramos unter Natur­schutz. Doch hier haben sie dank eines ausge­klügelten Verwaltungs­modells, des Wasserfonds Fonag, eine Menge Für­sprecher, die alle an einem Strang ziehen – von Unter­nehmen über Bauern bis zu staat­lichen Institutionen. Denn sie alle wissen um die Bedeutung der Hoch­moore und ziehen aus ihrem Schutz einen direkten Nutzen. Gemeinsam bilden sie eine massive Front gegen Bergbau­konzerne.

Früher hatte Oswaldo Ayaje wenig Verständnis für die Wirkung der Hoch­moore. Er lebt in Oyacachi, einem kleinen Dorf am Fusse des National­parks Cayambe-Coca. „So hoch oben wuchs nichts, nicht mal Kartoffeln, deshalb hatte der Páramo keinen beson­deren Wert für uns“, erzählt der Bauer. Nur für die Kühe gab es etwas Futter in der Höhe – aber auch nicht sehr nahr­­haftes. Heute treibt Ayaje seine Kühe nicht mehr auf die Berg­weiden, sondern züchtet Forellen und patrouilliert als einer von 20 Park­wächtern das Hoch­moor. Für seine Kühe baut er in tieferen Lagen nährstoff­reiche Kraftfutter­­mischungen an. Und das alles hat mit dem Fonag zu tun, dem Wasser­fonds der Stadt Quito, für den auch Biologin Pérez arbeitet.

Wir geben der Natur eine Stimme

Pablo Lloret

Die FONAG bündelt das Wissen und die Ressourcen seiner Teilhaber.

Als in den 90er Jahren in Quito wegen einer an­halten­den Dürre plötzlich das Wasser knapp wurde, schmie­deten Umwelt­schützer, Unternehmer und weit­sichtige Politiker eine Allianz und richteten im Jahr 2000 den ersten Wasser­fonds des Landes ein. „Das ist ein Spar­schwein, in das jeder Geld wirft“, so umschreibt Pablo Lloret, Umwelt­direktor der Wasser­werke von Quito (Emaps), die Grund­idee des Fonds. „Daran beteiligen sich der Staat, die Privat­­wirtschaft und Umwelt­schützer. Dadurch bekommt der Wasser­fonds einen inklusiven und kooperativen Charakter“, sagt Lloret, der zweimal Direktor des Fonag war. Die Anteils­eigner bringen ihr jeweiliges Fach­wissen ein und kontro­llieren sich gegen­­seitig, was der Transparenz und Effizienz zuträglich ist. Partner­­schaften mit Schulen und Universi­täten sorgen für die wissen­schaftliche Grundlage und die Umwelt­erziehung der kommenden Generationen. Viele Hoch­schulen haben Wetter­stationen in den Páramos einge­richtet und sammeln Klima­daten für die Forschung. „Auch uns nützen diese Daten. Wenn zum Beispiel durch viel Nieder­schlag die Flüsse anschwellen, können wir die fluss­abwärts gelegenen Anrainer recht­zeitig warnen und Evakuierungen ansetzen“, sagt Pérez.

Pablo Lloret, Umweltdirektor der Wasserwerke von Quito, mit Mitarbeitern des Fonag.

Geld für Ressourcen­schutz fernab
politischer Turbulenzen

Sechs Gründungs­mitglieder legten im Jahr 2000 den Grund­­stein für den Fonds: Die Wasser­werke von Quito, die Umwelt­organisation The Nature Conservancy, die Brauerei Cerveceria Andina, der städtische Strom­versorger, die Schweizer Entwicklungs­hilfe Deza und der Getränke­hersteller Tesalia. 21.000 US-Dollar zahlte jeder ein. Aus den Zinsen und 2% der Wasser­gebühren der Stadt Quito bestreitet der Fonds seine Ausgaben und bildet seine Rück­lagen. Aufgabe des Fonag ist der Schutz der Páramos. „Der Fonag gibt der Natur eine Stimme“, sagt Lloret – und vor allem Geld. Er war eines der Bei­spiele, die in die neue ecuadorianische Verfassung von 2007 einflossen, in der erstmals der Natur Rechte einge­räumt wurden. Der Fonag hat aus Sicht Llorets mehrere Vorteile: „Er hat einen lang­­fristigen Horizont, ist finanziell und politisch unab­hängig und sach­orientiert.“ Von den in Latein­amerika üblichen politischen Turbulenzen und Wirtschafts­­krisen abge­schirmt, können hier Experten walten.

In Latein­amerika ist der Fonag inzwischen zum Vorbild geworden. Von Brasilien über Panama bis Mexiko stehen Interes­senten Schlange, um sich etwas abzu­­schauen. Auch die Interamerikanische Entwicklungsbank (BID) ist inzwischen Partner des Fonag. 22 Wasser­fonds gibt es mittler­weile in Latein­amerika. Doch nicht alle Kopien sind so ausge­­klügelt. Manchmal über­wiegen Privat­interessen oder die Fonds sind eher ein ober­­flächlicher Marketing­gag für Firmen. In anderen Fällen sind sie unter­finanziert oder nicht unab­hängig von der Politik, was sie nach jeder Wahl anfällig macht für politische Einmischung.

Ein strategischer Partner für Unternehmen

Maria Isabel Parra, Tesalia

Wenn die Wasserkreisläufe funktionieren...
... pofitieren auch Unternehmen wie der Getränbkehersteller Tesalia.

Der Fonds ver­waltet und bewacht die Naturschutz­­gebiete der Páramos und ver­grössert sie durch den Ankauf angren­zender privater Flächen. Er ver­schafft ausser­­dem den umlie­genden Gemeinden, die oft sehr arm sind, neue Einkom­mens­­­möglich­keiten. Einer der rund 4000 direkt Begüns­tigten ist Ayaje. Der Bauer ist nun Park­wächter bei Fonag und achtet darauf, dass keiner der Dorf­­­bewohner mehr den Páramo abfackelt, um dort Felder anzu­­legen, oder seine Kühe hoch oben weiden lässt, denn das ver­wan­dele das empfind­liche Ökosystem in eine Sand­­­wüste, erklärt er. Und das schade nun den Fami­lien von Oyacachi nun direkt. „Viele von uns haben dank der Bera­tung und Unter­­stützung des Fonag jetzt eine Forellen­­­zucht statt Kühe, um sich mit Protein zu ver­sorgen. Dafür brauchen wir frisches Wasser, und das kommt direkt aus dem Páramo,“ erzählt Ayaje.

Die FONAG schützt die Paramos - und damit die Quellen.

Anders in Ecuador. Der grösste Getränke­hersteller des Landes, Tesalia, hat sein Engage­ment nicht bereut: „Für uns ist der Fonag ein strate­gischer Partner mit Experten­­wissen und lokaler Ver­ankerung gleich­­zeitig“, sagt die PR-­Direktorin von Tesalia, Maria Isabel Parra. „Bei ihm finden wir Fach­leute, die Schutz­programme gemeinsam mit den betroffenen Gemeinden und Bürgern lang­­fristig umsetzen können. So bekommen wir als Unter­nehmen Planungs­­sicherheit und können davon ausgehen, dass unsere Quellen auch in zehn Jahren noch sprudeln. Das alles könnten wir nie­mals alleine bewerk­­stelligen.“ Rund 20.000 US-Dollar gibt der Konzern jähr­lich zusätz­lich dem Fonag speziell für Wieder­auf­forstung und Umwelt­­erziehung.

Spielen und Wandern für
den Quellen­schutz

Der Fonag investiert zudem in den Tourismus als öko­­nomische Alter­­native. „Quito ist eine Stunde ent­fernt“, erklärt Pérez. „Das ist ideal für Schul- und Wochenend­­­ausflüge, um die Städter mit geführ­ten Touren für die Hoch­moore zu sensi­bili­sieren. In den Natur ­parks rund um Quito gibt es in­zwischen zahl­­­reiche ausge­­schil­derte Wander­wege. Wo ein Angebot ist, entsteht auch eine Nach­frage: Die Haupt­stadt­­bewohner ent­decken zuneh­mend die Natur als ent­­spannendes Programm. Wochenend­-­Tourismus und das Kunst­­handwerk sind so für Oyacachi zu einer wich­tigen neuen Einnahme­­­quelle geworden. Damit die Touristen nicht die Nase rümpfen, baut die 700 Ein­wohner zählende Gemeinde zusammen mit dem Fonag ein Kanalisations­­system – nicht selbst­­­verständ­lich in so abge­­legenen Berg­­dörfern. „Für uns gibt es ein vorher und ein nachher; der Fonag hat uns einen rie­sigen Entwicklungs­­­sprung gebracht“, sagt Bürger­meister Mauricio Parión aner­kennend.

Natur­­schutz macht sich so bezahlt für die Ein­w­ohner von Oyacachi. Das ist wichtig, denn dauer­­hafter Erfolg wäre ohne die Unter­­stützung der Dorf­­­gemeinschaft nicht möglich. Und je früher man die Natur schätzen lernt, umso besser, wissen die Mit­ar­­beiter von Fonag. Für die Schüler im Umland von Quito haben sie des­halb ein päda­gogisches Programm und Lehr­­­material aus­ge­­arbeitet, das nicht nur infor­mativ ist, sondern den Kindern auch viel Spass macht. So wie an der Grund­schule von Machachi. Dort zeigt Lehrerin Guadalupe Bonifa den Fünft­­­klässlern ein Video des Fonag über den Páramo. Danach muss sich jeder Schüler aus einer Schuh­­­schachtel mit getrock­neten Pflanzen, Fotos und Gummi­tierchen ein Objekt heraus­nehmen.

In Oyacachi wurde mit Hilfe des FONAG und anderer Akteure ein Paradies für Ökotouristen geschaffen.

Dann versammelt sich die Klasse vor einem Papp­­modell eines Páramo und jeder begründet, ob sein Objekt auf das Hoch­moor gehört oder nicht. Die Kühe werden aus­­­sortiert, Autos, Bergbau­­firmen und Häuser auch, Lamas, Gräser und Raub­­­vögel hin­gegen finden Gnade vor den Augen der Fünft­­­klässler. Die Klasse ist mit Feuer­­­eifer dabei.“Wir sind die Hüter des Páramo“, rufen sie am Ende gemein­sam. Die elf­jährige Juana ergänzt: “Ohne ihn würden unsere Felder ver­trocknen und wir und unsere Tiere ver­dursten.“
INTERVIEW MIT Pablo Lloret

Gemeinsam an einem Strang

Wasser ist eine strategische Ressource der Zukunft. Wie man Kräfte bündelt, um sie zu bewahren statt Konflikte um ihre Nutzung schürt, erklärt der Umweltexperte der Städtischen Wasserwerke von Quito. Interview lesen
PODCAST
English version

The Guardians of the Sources

It's freezing cold. The wind whistles. A gentle drizzle falls from the sky, and the ground cedes like a sponge with every step. It is an inhospitable and at the same time fascinating place... Read the text

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This version of the video was produced for and published by mongabay.com

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Amazonas vor der Apokalypse

Ideen für eine andere Zukunft

Profit­gierige Unter­nehmen und korrupte Regierungen unter­höhlen den recht­lichen Status von Natur- und Indigena-­Schutzgebieten oder streichen einfach die Gelder für die Behörden, die einst zu ihrem Schutz abgestellt wurden. Verstösse werden nicht mehr geahndet, weil Richter und Staats­anwälte bedroht und ermordet werden oder die Anweisung haben, nichts mehr zu tun. Die Idee der Schutz­gebiete stösst so an Grenzen. Was aber könnte den Regen­wald wirklich schützen?

In "Die Hüter der Quellen" stellen wir ein Konzept vor, wie die Wasserresourcen und die Quellgebiete des Amazonas geschützt werden.

Wir sind in dieser Multimedia­produktion der Frage nachge­gangen und stellen vier Ideen vor. Allen liegt der Gedanke zugrunde, dass die Mensch­heit lernt, mit der Natur in Harmonie zu leben und ihre Ressourcen für eine effektivere und nach­haltigere Art des Wirtschaftens zu nutzen.

Inspirier­ende Reise zu anderen Modellen

"Syntropie statt Monotonie." Der Schweizer Forscher Ernst Götsch lehrt Grossgrundbesitzern, wie man mit uralten Methoden nachhaltige und gleichzeitig wirtschaftliche Landwirtschaft in grossem Stil betreiben kann.
"Die Felder des Überflusses" wurden über Jahrtausende von Indigenen angelegt. Eine Rückbesinnung auf Zeiten ohne Not.

Unsere Reise beginnt an der Quelle der Amazonas-­Flüsse im Hoch­land der Anden, führt über den organisierten Wider­stand gegen Erdöl­förderung im Regen­wald, in die wieder entdeckten Wald­gärten indigener Gemeinden und endet in den Soja­feldern, die sich von Süden her kommend in den Regen­wald hinein­fressen.

Wir stellen inspirier­ende Menschen vor wie den Schweizer Agronomen Ernst Götsch, der eine Agroforst­-Revolution für die Land­wirtschaft vorantreibt, oder den ecuadoria­nischen Ökonomen Alberto Acosta, Mitglied im Internationalen Tribunal für die Rechte der Natur, der einen neuen Lebensstil propagiert, basierend auf der indigenen Philosophie vom „Guten Leben“.

"Leben in Harmonie." Danach streben die Kichwa in Sarayaku und müssen sich dabei gegen die geballte Macht der Erdölindustrie behaupten.
Weitere Fakten zum Amazonas

Die Bäume am Amazonas nehmen pro Jahr rund zwei Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmos­phäre auf.


Rund 35 Millionen Menschen leben im Amazonas­becken. Davon sind rund 400 verschiedene indigene Stämme. Einige davon leben in völliger Abge­schiedenheit.


Der Amazonas ist der zweit­längste Fluss der Welt und der mit dem grössten Wasser­volumen.


Dank des Amazonas­beckens ist Brasilien das Land mit den grössten Süsswasser­reserven welt­weit - 6.950 km3 oder rund 20%.


Ursprüng­lich floss der Amazonas Richtung Westen, bis tektonische Ver­schiebungen vor 100 Mio. Jahren die Anden-­Bergkette aufwölbten und der Fluss seinen Kurs änderte.


Auch wenn die dichte Vege­tation hohe Frucht­barkeit vortäuscht, ist der Boden am Amazonas sehr nährstoff­arm.


Nahe der Erde ist es ausser­dem dunkel: nur 1% des Sonnen­­lichts schafft es durch das dichte Blätter­­dach bis nach unten.


Ein Regen­­tropfen braucht für den Weg bis zu 10 Minuten.


Natür­lichen Dünger – insbesondere Phosphor – bekommt der Amazonas durch Staub­­partikel aus der Sahara, die vom Wind über den Ozean getragen werden und über den Regen­wald abregnen.

Quellen: OCTA, WWF, Green­peace, INPE, RAISG

INTERVIEW MIT Antonio Nobre

Fliegende Flüsse

Der Experte vom Institut für Weltraumforschungen (INPE) hat die Rolle des Amazonas für das Weltklima erforscht und warnt vor „menschengemachten Wüsten“ durch die Abholzung. Es wäre das Ende für Brasiliens Landwirtschaft.

Interview lesen

INTERVIEW MIT Margie Moss

Wissen gegen Gier

Die Pilotin und Fotografin hat nicht nur die Schönheiten Amazoniens dokumentiert, sondern ein Lehrbuch über Amazonien entworfen. Denn die Brasilianer glauben, ihre Ressourcen seien unendlich, sagt sie. Moss setzt deshalb auf Aufklärung der Jugend. Interview lesen