Die Paramos bedecken weiter Teile des Andinen Hochlandes.

Rund 12.000 Quadrat­­kilometer Ecuadors sind von Páramos bedeckt. Alleine im Gross­raum Quito hängen rund 5 Millionen Menschen vom Wasser ab, das die Natur in den Páramos und zu einem ge­ringeren Teil in den Gletschern der um­liegenden Berge ohne mensch­liches Zutun sammelt. Doch der natür­liche Wasser­speicher ist bedroht. Zum einen durch den Klimawandel, der dazu führt, dass Schäd­linge und auch Nutz­pflanzen aufgrund steigender Temperaturen immer weiter die Höhenmeter hoch­klettern. Kartoffeln beispiels­weise werden heute schon bis 3.700 Meter angebaut. Eine andere Gefahr ist die Einwirkung des Menschen. Vieh­weiden sind ein grosses Problem, denn die Hufe der Tiere verdichten den Boden und verringern damit seine Speicher­kapazität. Ausserdem kontaminieren sie mit ihren Ausscheidungen das Wasser schon an der Quelle. Auch Brand­rodung vernichtet die sensiblen Moose und Flechten, die jahre­lang brauchen, um sich davon wieder zu erholen, Strassen und Strom­­trassen greifen ebenfalls ins Öko­system ein. Die grösste Bedrohung aber ist der Tage-­Bergbau. In den Höhen­­zügen der Anden liegen wertvolle Mineralien, von Kupfer über Silber und Lithium bis Gold. Die Bergbau­­konzerne drängen ebenfalls in die Páramos.  Zum einen wegen der dort vermuteten Boden­schätze, zum anderen, weil der Tage­bau viel Wasser benötigt, das die Unter­nehmen gerne gratis den Páramos entziehen würden, statt kost­­spielig Meer­wasser zu entsalzen und in die Höhe zu pumpen.

Bedrohungen für die Paramos sind zahlreich: Vieh kompaktiert die Böden,

Die Anbaugrenze für die Landwirtschaft frisst sich immer weiter in die Höhe,

Strassen und andere Infrastrukturprojekte greifen in das Ökosystem ein.

Die grösste Gefahr geht jedoch vom Bergbau aus.

Bündeln statt spalten

Im Nachbar­­land Kolumbien stellte das Verfassungs­gericht deshalb 2016 die Páramos unter Natur­schutz und zwang die Regierung, Bohr- und Bergbau­lizenzen zu stor­nieren. Berg­dörfer halten nun Plebiszite ab, in denen dem Bergbau regel­­mässig eine Absage erteilt wird. Doch die neo­liberale Regierung sträubt sich, dies anzu­erkennen. Das führt zu ständigen Konflikten, zu Rechts­streit und Militari­sierung betroffener Regionen. Ecuador ging einen anderen Weg, der Kräfte bündelt statt zu spalten. Auch in Ecuador stehen die Páramos unter Natur­schutz. Doch hier haben sie dank eines ausge­klügelten Verwaltungs­modells, des Wasserfonds Fonag, eine Menge Für­sprecher, die alle an einem Strang ziehen – von Unter­nehmen über Bauern bis zu staat­lichen Institutionen. Denn sie alle wissen um die Bedeutung der Hoch­moore und ziehen aus ihrem Schutz einen direkten Nutzen. Gemeinsam bilden sie eine massive Front gegen Bergbau­konzerne.

Früher hatte Oswaldo Ayaje wenig Verständnis für die Wirkung der Hoch­moore. Er lebt in Oyacachi, einem kleinen Dorf am Fusse des National­parks Cayambe-Coca. „So hoch oben wuchs nichts, nicht mal Kartoffeln, deshalb hatte der Páramo keinen beson­deren Wert für uns“, erzählt der Bauer. Nur für die Kühe gab es etwas Futter in der Höhe – aber auch nicht sehr nahr­­haftes. Heute treibt Ayaje seine Kühe nicht mehr auf die Berg­weiden, sondern züchtet Forellen und patrouilliert als einer von 20 Park­wächtern das Hoch­moor. Für seine Kühe baut er in tieferen Lagen nährstoff­reiche Kraftfutter­­mischungen an. Und das alles hat mit dem Fonag zu tun, dem Wasser­fonds der Stadt Quito, für den auch Biologin Pérez arbeitet.

Wir geben der Natur eine Stimme

Pablo Lloret

Die FONAG bündelt das Wissen und die Ressourcen seiner Teilhaber.

Als in den 90er Jahren in Quito wegen einer an­halten­den Dürre plötzlich das Wasser knapp wurde, schmie­deten Umwelt­schützer, Unternehmer und weit­sichtige Politiker eine Allianz und richteten im Jahr 2000 den ersten Wasser­fonds des Landes ein. „Das ist ein Spar­schwein, in das jeder Geld wirft“, so umschreibt Pablo Lloret, Umwelt­direktor der Wasser­werke von Quito (Emaps), die Grund­idee des Fonds. „Daran beteiligen sich der Staat, die Privat­­wirtschaft und Umwelt­schützer. Dadurch bekommt der Wasser­fonds einen inklusiven und kooperativen Charakter“, sagt Lloret, der zweimal Direktor des Fonag war. Die Anteils­eigner bringen ihr jeweiliges Fach­wissen ein und kontro­llieren sich gegen­­seitig, was der Transparenz und Effizienz zuträglich ist. Partner­­schaften mit Schulen und Universi­täten sorgen für die wissen­schaftliche Grundlage und die Umwelt­erziehung der kommenden Generationen. Viele Hoch­schulen haben Wetter­stationen in den Páramos einge­richtet und sammeln Klima­daten für die Forschung. „Auch uns nützen diese Daten. Wenn zum Beispiel durch viel Nieder­schlag die Flüsse anschwellen, können wir die fluss­abwärts gelegenen Anrainer recht­zeitig warnen und Evakuierungen ansetzen“, sagt Pérez.

Pablo Lloret, Umweltdirektor der Wasserwerke von Quito, mit Mitarbeitern des Fonag.

Geld für Ressourcen­schutz fernab
politischer Turbulenzen

Sechs Gründungs­mitglieder legten im Jahr 2000 den Grund­­stein für den Fonds: Die Wasser­werke von Quito, die Umwelt­organisation The Nature Conservancy, die Brauerei Cerveceria Andina, der städtische Strom­versorger, die Schweizer Entwicklungs­hilfe Deza und der Getränke­hersteller Tesalia. 21.000 US-Dollar zahlte jeder ein. Aus den Zinsen und 2% der Wasser­gebühren der Stadt Quito bestreitet der Fonds seine Ausgaben und bildet seine Rück­lagen. Aufgabe des Fonag ist der Schutz der Páramos. „Der Fonag gibt der Natur eine Stimme“, sagt Lloret – und vor allem Geld. Er war eines der Bei­spiele, die in die neue ecuadorianische Verfassung von 2007 einflossen, in der erstmals der Natur Rechte einge­räumt wurden. Der Fonag hat aus Sicht Llorets mehrere Vorteile: „Er hat einen lang­­fristigen Horizont, ist finanziell und politisch unab­hängig und sach­orientiert.“ Von den in Latein­amerika üblichen politischen Turbulenzen und Wirtschafts­­krisen abge­schirmt, können hier Experten walten.

In Latein­amerika ist der Fonag inzwischen zum Vorbild geworden. Von Brasilien über Panama bis Mexiko stehen Interes­senten Schlange, um sich etwas abzu­­schauen. Auch die Interamerikanische Entwicklungsbank (BID) ist inzwischen Partner des Fonag. 22 Wasser­fonds gibt es mittler­weile in Latein­amerika. Doch nicht alle Kopien sind so ausge­­klügelt. Manchmal über­wiegen Privat­interessen oder die Fonds sind eher ein ober­­flächlicher Marketing­gag für Firmen. In anderen Fällen sind sie unter­finanziert oder nicht unab­hängig von der Politik, was sie nach jeder Wahl anfällig macht für politische Einmischung.

Ein strategischer Partner für Unternehmen

Maria Isabel Parra, Tesalia

Wenn die Wasserkreisläufe funktionieren...
... pofitieren auch Unternehmen wie der Getränbkehersteller Tesalia.

Der Fonds ver­waltet und bewacht die Naturschutz­­gebiete der Páramos und ver­grössert sie durch den Ankauf angren­zender privater Flächen. Er ver­schafft ausser­­dem den umlie­genden Gemeinden, die oft sehr arm sind, neue Einkom­mens­­­möglich­keiten. Einer der rund 4000 direkt Begüns­tigten ist Ayaje. Der Bauer ist nun Park­wächter bei Fonag und achtet darauf, dass keiner der Dorf­­­bewohner mehr den Páramo abfackelt, um dort Felder anzu­­legen, oder seine Kühe hoch oben weiden lässt, denn das ver­wan­dele das empfind­liche Ökosystem in eine Sand­­­wüste, erklärt er. Und das schade nun den Fami­lien von Oyacachi nun direkt. „Viele von uns haben dank der Bera­tung und Unter­­stützung des Fonag jetzt eine Forellen­­­zucht statt Kühe, um sich mit Protein zu ver­sorgen. Dafür brauchen wir frisches Wasser, und das kommt direkt aus dem Páramo,“ erzählt Ayaje.

Die FONAG schützt die Paramos - und damit die Quellen.

Anders in Ecuador. Der grösste Getränke­hersteller des Landes, Tesalia, hat sein Engage­ment nicht bereut: „Für uns ist der Fonag ein strate­gischer Partner mit Experten­­wissen und lokaler Ver­ankerung gleich­­zeitig“, sagt die PR-­Direktorin von Tesalia, Maria Isabel Parra. „Bei ihm finden wir Fach­leute, die Schutz­programme gemeinsam mit den betroffenen Gemeinden und Bürgern lang­­fristig umsetzen können. So bekommen wir als Unter­nehmen Planungs­­sicherheit und können davon ausgehen, dass unsere Quellen auch in zehn Jahren noch sprudeln. Das alles könnten wir nie­mals alleine bewerk­­stelligen.“ Rund 20.000 US-Dollar gibt der Konzern jähr­lich zusätz­lich dem Fonag speziell für Wieder­auf­forstung und Umwelt­­erziehung.

Spielen und Wandern für
den Quellen­schutz

Der Fonag investiert zudem in den Tourismus als öko­­nomische Alter­­native. „Quito ist eine Stunde ent­fernt“, erklärt Pérez. „Das ist ideal für Schul- und Wochenend­­­ausflüge, um die Städter mit geführ­ten Touren für die Hoch­moore zu sensi­bili­sieren. In den Natur ­parks rund um Quito gibt es in­zwischen zahl­­­reiche ausge­­schil­derte Wander­wege. Wo ein Angebot ist, entsteht auch eine Nach­frage: Die Haupt­stadt­­bewohner ent­decken zuneh­mend die Natur als ent­­spannendes Programm. Wochenend­-­Tourismus und das Kunst­­handwerk sind so für Oyacachi zu einer wich­tigen neuen Einnahme­­­quelle geworden. Damit die Touristen nicht die Nase rümpfen, baut die 700 Ein­wohner zählende Gemeinde zusammen mit dem Fonag ein Kanalisations­­system – nicht selbst­­­verständ­lich in so abge­­legenen Berg­­dörfern. „Für uns gibt es ein vorher und ein nachher; der Fonag hat uns einen rie­sigen Entwicklungs­­­sprung gebracht“, sagt Bürger­meister Mauricio Parión aner­kennend.

Spielen und Wandern für
den Quellen­schutz

Der Fonag investiert zudem in den Tourismus als öko­­nomische Alter­­native. „Quito ist eine Stunde ent­fernt“, erklärt Pérez. „Das ist ideal für Schul- und Wochenend­­­ausflüge, um die Städter mit geführ­ten Touren für die Hoch­moore zu sensi­bili­sieren. In den Natur ­parks rund um Quito gibt es in­zwischen zahl­­­reiche ausge­­schil­derte Wander­wege. Wo ein Angebot ist, entsteht auch eine Nach­frage: Die Haupt­stadt­­bewohner ent­decken zuneh­mend die Natur als ent­­spannendes Programm. Wochenend­-­Tourismus und das Kunst­­handwerk sind so für Oyacachi zu einer wich­tigen neuen Einnahme­­­quelle geworden. Damit die Touristen nicht die Nase rümpfen, baut die 700 Ein­wohner zählende Gemeinde zusammen mit dem Fonag ein Kanalisations­­system – nicht selbst­­­verständ­lich in so abge­­legenen Berg­­dörfern. „Für uns gibt es ein vorher und ein nachher; der Fonag hat uns einen rie­sigen Entwicklungs­­­sprung gebracht“, sagt Bürger­meister Mauricio Parión aner­kennend.

Natur­­schutz macht sich so bezahlt für die Ein­w­ohner von Oyacachi. Das ist wichtig, denn dauer­­hafter Erfolg wäre ohne die Unter­­stützung der Dorf­­­gemeinschaft nicht möglich. Und je früher man die Natur schätzen lernt, umso besser, wissen die Mit­ar­­beiter von Fonag. Für die Schüler im Umland von Quito haben sie des­halb ein päda­gogisches Programm und Lehr­­­material aus­ge­­arbeitet, das nicht nur infor­mativ ist, sondern den Kindern auch viel Spass macht. So wie an der Grund­schule von Machachi. Dort zeigt Lehrerin Guadalupe Bonifa den Fünft­­­klässlern ein Video des Fonag über den Páramo. Danach muss sich jeder Schüler aus einer Schuh­­­schachtel mit getrock­neten Pflanzen, Fotos und Gummi­tierchen ein Objekt heraus­nehmen.

In Oyacachi wurde mit Hilfe des FONAG und anderer Akteure ein Paradies für Ökotouristen geschaffen.

Dann versammelt sich die Klasse vor einem Papp­­modell eines Páramo und jeder begründet, ob sein Objekt auf das Hoch­moor gehört oder nicht. Die Kühe werden aus­­­sortiert, Autos, Bergbau­­firmen und Häuser auch, Lamas, Gräser und Raub­­­vögel hin­gegen finden Gnade vor den Augen der Fünft­­­klässler. Die Klasse ist mit Feuer­­­eifer dabei.“Wir sind die Hüter des Páramo“, rufen sie am Ende gemein­sam. Die elf­jährige Juana ergänzt: “Ohne ihn würden unsere Felder ver­trocknen und wir und unsere Tiere ver­dursten.“
INTERVIEW MIT Pablo Lloret

Gemeinsam an einem Strang

Wasser ist eine strategische Ressource der Zukunft. Wie man Kräfte bündelt, um sie zu bewahren statt Konflikte um ihre Nutzung schürt, erklärt der Umweltexperte der Städtischen Wasserwerke von Quito. Interview lesen
PODCAST VON SANDRA WEISS
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